Liebe Engagierte im Kirchenasyl,

mit Ihrem Einsatz ermöglichen Sie Geflüchteten Schutz vor Abschiebung und schaffen einen Ort der Zuflucht. Gleichzeitig gilt: Auch kirchliche Räume sind nicht automatisch sichere Räume. Gewalt entsteht häufig dort, wo Menschen in Abhängigkeit leben und Macht ungleich verteilt ist – Situationen, die im Alltag des Kirchenasyls sehr präsent sind, gerade weil hier große Nähe, Abhängigkeit und Verantwortung zusammenkommen. Schutz im Kirchenasyl bedeutet deshalb zweierlei: Schutz vor Abschiebung und Schutz vor sexualisierter Gewalt, Übergriffen und Machtmissbrauch.

In Anlehnung an die Begriffsbestimmungen der EKD verstehen wir unter sexualisierter Gewalt nicht nur strafbare Handlungen. Gemeint ist ein breites Spektrum von Verhalten mit sexuellem Bezug, das gegen den Willen einer Person erfolgt oder dem sie nicht wirksam zustimmen kann. Dazu gehören Grenzverletzungen, die oft unbeabsichtigt geschehen – etwa unangekündigtes Betreten eines Zimmers oder unerwünschte körperliche Nähe. Übergriffe sind demgegenüber bewusste Handlungen, bei denen Grenzen klar missachtet oder zurückgewiesene Wünsche ignoriert werden. Ob etwas als Grenzverletzung erlebt wird, hängt stark vom Empfinden der betroffenen Person ab. Auch wenn nicht alles strafbar ist, können solche Erfahrungen sehr belastend sein.

Kirchen haben sich verpflichtet, Menschen vor Grenzverletzungen, Gewalt und Missbrauch zu schützen. Dafür wurden Schutzkonzepte, Leitlinien und Verfahrenswege entwickelt, die grundsätzlich auch für Menschen im Kirchenasyl gelten. Im Kirchenasyl ist der Schutz jedoch schwerer umzusetzen: Viele Geflüchtete leben in großer aufenthaltsrechtlicher Unsicherheit, sind stark von Ehren- und Hauptamtlichen abhängig und bringen häufig traumatische Gewalterfahrungen mit. Viele geflüchtete Frauen, LGBTQI+-Personen, Kinder und Männer wissen zudem nicht, dass auch sie im Kirchenasyl ein Recht auf Sicherheit, Schutz und Selbstbestimmung haben.

Um Gemeinden und Engagierte in dieser Verantwortung zu unterstützen, haben wir den Werkzeugkasten „Sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch im Kirchenasyl“ entwickelt. Er bündelt Materialien, die auf die spezifische Situation im Kirchenasyl zugeschnitten sind – für Ehren- und Hauptamtliche ebenso wie für Geflüchtete. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der direkten Ansprache von Menschen im Kirchenasyl. Zwei Leporellos, die in den Kirchenasylräumen aufgehängt werden können, arbeiten mit leicht verständlichen Bildern. Sie unterstützen Schutzsuchende bei der Orientierung: Was ist Gewalt? Woran erkenne ich sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch? An wen kann ich mich wenden, wenn ich etwas Belastendes erlebe oder mir unsicher bin?

Mit diesem Werkzeugkasten möchten wir Sie ermutigen, die Themen Schutz, Prävention, Machtkritik und Selbstbestimmung beim Kirchenasyl konsequent mitzudenken. Der Werkzeugkasten orientiert sich an den rechtlich festgelegten Anforderungen für Präventionskonzepte. Er wurde von der AG Schutz und Prävention im Kirchenasyl erarbeitet – gemeinsam mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche, Geflüchteten und ehemaligen Kirchenasylgästen, Präventions- und Flüchtlingsbeauftragten,  Gemeindevertreter*innen, Jurist*innen sowie Fachkräften aus Gewaltschutz und Geschlechtergerechtigkeit.

Der Werkzeugkasten richtet sich an:

  • Ehrenamtliche, die im Kirchenasyl tätig sind
  • Pfarrpersonen
  • Hauptamtliche in der kirchlichen Flüchtlingsarbeit
  • Geflüchtete im Kirchenasyl
  • Kirchliche Präventionsbeauftragte

Material bestellen

Die Mappe zum Werkzeugkasten Prävention und Schutz im Kirchenasyl inklusive der beiden Leporellos können Sie kostenlos bestellen. Wenden Sie sich dafür gerne per E-Mail an:

Referat Flucht und Menschenrechte
Ökumenewerk der Nordkirche


[1] Zum Beispiel im Rheinland https://www.kirchenrecht-ekir.de/document/45942 ; der Nordkirche https://www.nordkirche.de/praevention-und-beratung-bei-sexualisierter-gewalt